links about us archives search home
SustainabiliTankSustainabilitank menu graphic
SustainabiliTank

 
 
Follow us on Twitter

 

Posted on Sustainabilitank.info on January 3rd, 2012
by Pincas Jawetz (pj@sustainabilitank.info)

Absurd, intellektuell, moralisch: der Dramatiker Václav Havel (1936 – 2011)

Die Burg, ein Muttertheater

Von Hans Haider

  • Viele von Havels Stücken wurden im Burgtheater uraufgeführt.

 www.wienerzeitung.at/nachrichten/…

Nicht der Autor, sondern eine Tafel mit seinem Namen verbeugte sich im Akademietheater. Nicht der Autor, sondern eine Tafel mit seinem Namen verbeugte sich im Akademietheater.Foto: Burgtheater

Prag, Hradschin, früher Jänner 1990. Wissenschaftsminister Erhard Busek überbringt Glückwünsche aus Wien. Václav Havel trägt im Amt, es ist später Vormittag, einen schwarzen Rollkragenpulli. Sein Gesicht strahlt. Er blättert im Pass, den er eben bekommen hat, dem ersten seit zwanzig Jahren. Was seine “Proféssion” ist, liest er zögerlich vor: Président de la République fédérative tchèque et slovaque. Über die Schriftstellerei kein Wort. Aus der von ihm selbst und der Mehrheit der Bürger gewählten Politikerrolle wird der Dichter nie mehr herausfinden.

2008 wollte es der schwer lungenkrebskranke Expräsident noch einmal wissen. Der Entwurf für das Stück “Abgang” (Odchazeni) lag seit 1988 in der Schublade. Ein Staatsmann räsoniert, ironisch-selbstkritisch und darum selbstzerstörerisch, nach dem Verlust der Macht über die verlogenen Mechanismen von Politik und Medien. Ein Achtungserfolg, nicht mehr. “Abgang” wurde als Abrechnung mit Havels Widerpart Václav Klaus missinterpretiert. Er verfilmte den Plot noch selbst als Regisseur – Premiere war heuer im März.

Zum Sterben zog sich der 75-Jährige in sein Häuschen im nordböhmischen Weiler Hrádecek zurück. Wo er am 18. Dezember einschlief, probierte er in den Jahren der Verfolgung in Privataufführungen neue Texte aus. Er kannte sein Publikum jenseits des Eisernen Vorhangs kaum. Was dort als universeller aufklärerischer Humanismus ankam, war mit unzähligen Anspielungen gespickt, die nur in der CSSR oder von tschechischen Emigranten zu verstehen waren.

Kein kalter Krieg
Der Schöpfer von Welterfolgen wie “Das Gartenfest” (1963) und “Benachrichtigung” (1965) saß sechs Jahre im Gefängnis. Warum der Polizeikrieg gegen die Dichter, die Intellektuellen? Der 1968 von der Sowjet-Internationale zerschlagene “Prager Frühling” war eine Kulturbewegung – zugleich Wiederbelebung der Avantgarde in der 1939 schon von den Nazis vernichteten bürgerlichen Republik und jugendkultureller Internationalismus Marke Woodstock. Havel liebte die Prager Popgruppe “Plastic People of the Universe”. Als sie ebenfalls drangsaliert wurde, formierten sich ihre Verteidiger zur “Charta 77”.

Kritik an kalten bürokratischen, verachtenden Systemen war, mit Orwells “1984” als Leitbuch, eine Waffe im Kalten Propagandakrieg. Kafkas Angstbilder in “Der Prozess” und “Das Schloss” wurden im Westen simpel als vorausgeschaute Beschreibungen von Stalins Terror interpretiert. Havel wollte kein Kalter Krieger sein. Er warb für die Zivilgesellschaft und führte, als Konservativer, in soziotechnokratischen Fiction-Kulissen scheinbar rationale moderne Politsysteme ad absurdum. Wie alle Intellektuellen gar zu gerne, wusste auch Havel das Schicksal der Welt in deren Hände gelegt. Sein Dr. Heinrich Faustka in “Versuchung” (1986) ist ein Wissenschafter in einem Institut zur Bewahrung der reinen materialistischen Lehre. Mephisto spricht für die Hölle, den Staat, das System. Das System siegt, Faust verbrennt.

Im Wiener Akademietheater fand Havels geistreiche Zuspitzung wenig Beifall. Sie war die letzte einer Serie von sechs Uraufführungen, die 1976 unter lautem Jubel mit dem Einakter “Audienz” begonnen wurde. Havel durfte trotz Interventionen von Kreisky und Sinowatz nicht zur Uraufführung reisen. Direktor Achim Benning, Dramaturg Rupert Weis und der Rowohlt-Theaterverlag organisierten den Schmuggel der Manuskripte über die Grenze. Havel pries die Burg als sein “Muttertheater” (materské divadlo).

Ekel vor Intellektuellen

Foto: Erich Lessing

Joachim Bissmeier traf bravourös die existenzielle Traurigkeit und Unbeugsamkeit des Alter-Ego Ferdinand Vanek, ein Schriftsteller, der wie Havel zur Zwangsarbeit in einer Brauerei verdonnert wurde. Der Braumeister muss der Polizei Überwachungsprotokolle schicken, scheitert aber am Formulieren. Der Dichter nimmt ihm die Arbeit ab. In den Fortsetzungen debattiert Vanek seine Freiheitsideale mit bürgerlichen Aufsteigern (“Vernissage”) und Intellektuellen (“Protest”). Und wendet sich angeekelt von denen ab.

Im Jänner 1977 wird die “Charta 77” bekannt, an der Havel mitgeschrieben hat. Die Amnesty-Gruppe Burgtheater lud zur Solidaritätsaufführung – und Kreisky, Sinowatz, Taus, Busek kamen. Wie nach der Premiere im Oktober fuhr eine Tafel mit dem Namen des Dissidenten aus dem Schnürboden.

Information

Briefe als kleine Fenster im Gefängnis

(cb) Erich Lessing hat auf ebay Glück gehabt. Dort hat er ein Exemplar von Vaclav Havels “Briefe an Olga” ergattert. Dieses Buch ist nämlich vergriffen. Also nicht ganz. Denn der Thomas Reche Verlag hat einige der Briefe Havels aus dem Gefängnis neu herausgegeben. In dem Buch sind Briefe aus dem Jahr 1981 mit Bildern des Magnum-Fotografen Lessing illustriert (“Fünfzehn Stimmungen”). Es sind einerseits Fotos, die Lessing in den Jahren 1956 bis 1958 in Prag gemacht hat (siehe Bild). Auf der anderen Seite sind es Bilder, die das Eingesperrtsein verbildlichen: Mauern, tiefe Brunnen, kleine Fenster. Die Briefe mussten durch eine strenge Zensur – Havel erzählt in einem Interview, dass er besonders kompliziert formulieren musste, damit die Texte durchgingen. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass die Briefe als literarische Signale in der Außenwelt aufgenommen wurden. Die Texte wurden zur einzigen Leidenschaft jener Zeit. Ein versprochenes Vorwort für das Buch hat Havel nicht mehr geschafft. Aber, so Lessing, Havel hat das Buch noch gesehen. “Ich habe ein von ihm signiertes Exemplar. Vaclav Havel steht da, mit einem Herz.”

Der junge Havel, als Klassenfeind vom Studium ausgeschlossen, tippte auf der Schreibmaschine visuelle Poesie wie Ernst Jandl. Im Prager Frühling befreite er sich aus der Zwangsrolle des anonymen Dramaturgen im Theater am Geländer – einer Kleinbühne unter der Leitung von Jan Grossman. Der inszenierte 1965 Havels in absurde Höhen geschraubte Totalitarismus-Satire “Benachrichtigung”. Funktionäre tyrannisieren die Bürger mit der Kunstsprache “Ptydepe”, die Knechte des Systems sind schaurige Jasager. Im “Berghotel” (1981) entlarvt sich ein totalitäres System in einsamer Höhenlage bei einem Bal macabre. Anders als Vanek resigniert hier die Hauptperson, wieder ein kritischer Schriftsteller. In “Largo desolato” gab Bissmeier einen Philosophen, traumatisiert von Verfolgung und Isolation. Er widersteht der Versuchung, proletarischer Märtyrer zu werden. Wieder waren es eigene Skrupel, die Havel zur Feder greifen ließen. Wieder wurden sie im Ausland nur von kritischen Intellektuellen und von den Hütern autoritärer Systeme verstanden. In seinem Essay “Versuch, in der Wahrheit zu leben” schrieb er 1980 Klartext, der in den Kanon der politisch-moralischen Weltliteratur einging.

==============================

Vaclav Havel’s Triumph

December 22, 2011 | by 

Vaclav Havel never received the Nobel Peace Prize.  He probably could have gotten it but, in 1991, when he was most celebrated as the dissenter and long-term political prisoner who had become the hero of Czechoslovakia’s “Velvet Revolution” and then its democratically elected president, he campaigned for its presentation to someone else.  He said it should be given to Aung San Suu Kyi and, with his support, she was chosen.  Not long before that, the Burmese military junta had cancelled an election after voting had taken place and it became clear that her political party, the National League of Democracy, would win more than 80 percent of the seats in Parliament.  She had been placed under house arrest.

Right now, a political opening may be taking place in Burma.  Some political prisoners have been released (though many more remain behind bars) and Aung San Suu Kyi says she is thinking of running for Parliament.  In the 20 years since she was awarded the Nobel Peace Prize, she has endured long periods of house arrest and also a period of actual imprisonment.  Yet the fact that she has survived and that her country now has a chance to emerge from its long nightmare of repressive rule has a lot to do with the protection provided by the Nobel Peace Prize.  Vaclav Havel was not only the hero of the Velvet Revolution.  He is also a hero of the transformation that is still to come in Burma and in such other countries as Belarus, Cuba, and China, to which he devoted his energies in recent years.

I met Vaclav Havel only a few times.  One occasion that stands out in my memory is when he came to the headquarters of Human Rights Watch in New York, where I was then the executive director, to thank us for our efforts on behalf of Czech dissenters during the period of communist rule.  This took place when he visited New York to attend a meeting of the General Assembly of the United Nations not long after he became president.  Visiting our office to meet with the entire staff was a thoughtful gesture that made everyone there feel good about the work they were doing.

My last opportunity to see Havel took place a few weeks ago when I visited Prague to speak at the Forum 2000 conference that he has organized every year.  Because he had been ill, it was not certain that he would appear at his own conference.  Many of the participants knew that it would probably be their last chance to see him.  When he did appear, and expressed solidarity with those still struggling against repression, it provided a palpable thrill that I think was shared by all of us listening to him.  Not inclined to politics, he was more intent on practicing his profession as a playwright.  Yet he had become a central figure in the most important political struggles of our time, always as the champion of those whose cause seemed most hopeless.  His death is an occasion for deep mourning and, simultaneously, for celebration of the triumph of the human spirit.

Be Sociable, Share!

Leave a comment for this article

###